Die Uhr tickt: Was KMU jetzt tun müssen

Der EU AI Act ist seit August 2024 in Kraft — und die entscheidenden Fristen laufen ab August 2026. Wer als Unternehmen KI-Tools wie ChatGPT, Copilot oder Gemini einsetzt, ist „Betreiber“ im Sinne der Verordnung. Unabhängig von der Unternehmensgröße. Auch ein 5-Personen-Büro.

Gleichzeitig verschärfen die Datenschutzbehörden 2026 den Druck auf KI-Projekte deutlich. DSGVO und AI Act greifen ineinander — und beide müssen eingehalten werden.

Dieser Beitrag gibt Ihnen einen konkreten Maßnahmenkatalog und eine Checkliste, mit der Sie Ihr Unternehmen compliant aufstellen.

Was bereits gilt — seit Februar 2025

Zwei Pflichten sind bereits in Kraft und müssen sofort umgesetzt werden:

1. KI-Kompetenzpflicht (Art. 4 AI Act)

Seit dem 2. Februar 2025 müssen alle Unternehmen, die KI-Systeme einsetzen, sicherstellen, dass ihre Mitarbeitenden über ausreichende KI-Kompetenz verfügen. Das betrifft jedes Unternehmen, das „nur“ ChatGPT oder ein Übersetzungstool nutzt.

Fünf Kernbereiche sollten geschult werden:

  • AI Literacy — Grundverständnis von KI-Technologie
  • Recht & Compliance — AI Act, DSGVO, branchenspezifische Regeln
  • Ethik — Verantwortungsvoller KI-Einsatz, Bias-Erkennung
  • Datenschutz — Umgang mit personenbezogenen Daten in KI-Systemen
  • Praktische Anwendung — Sichere Nutzung der zugelassenen Tools

2. Verbotene KI-Praktiken (Art. 5 AI Act)

Ebenfalls seit Februar 2025 verboten:

  • Social Scoring (Bewertung sozialen Verhaltens)
  • Manipulative KI-Systeme (unterschwellige Beeinflussung)
  • Emotionserkennung am Arbeitsplatz
  • Biometrische Kategorisierung nach sensiblen Merkmalen
  • Erstellung von Gesichtserkennungsdatenbanken durch Scraping

Prüfen Sie jetzt, ob in Ihrem Unternehmen solche Praktiken existieren — auch unbewusst.

Die vier Risikostufen des AI Act

Der AI Act klassifiziert KI-Systeme in vier Kategorien. Je höher das Risiko, desto strenger die Pflichten:

Risikostufe Beispiele Pflichten
Unannehmbares Risiko Social Scoring, manipulative KI Verboten
Hohes Risiko KI im HR, Kreditscoring, kritische Infrastruktur Konformitätsbewertung, CE-Kennzeichnung, Dokumentation, menschliche Überwachung
Begrenztes Risiko Chatbots, KI-generierte Inhalte Transparenz- und Kennzeichnungspflicht
Minimales Risiko Spam-Filter, Autokorrektur Keine spezifischen Pflichten

Wichtig für KMU: Die meisten Unternehmen nutzen KI-Tools mit begrenztem oder minimalem Risiko. Aber: Wer KI im Personalwesen (Bewerbermanagement, Einstellungsentscheidungen) oder für Kreditwürdigkeitsprüfungen einsetzt, fällt in die Hochrisiko-Kategorie.

DSGVO + KI: Die doppelte Regulierung

Neben dem AI Act bleibt die DSGVO vollumfänglich anwendbar. Das bedeutet konkret:

Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) ist Pflicht

Bei Nutzung von Cloud-KI-Diensten müssen Sie einen AVV abschließen. Die kostenlose Version von ChatGPT ist für Unternehmen mit personenbezogenen Daten praktisch nicht DSGVO-konform nutzbar. Nutzen Sie firmenlizenzierte Varianten mit EU-Datenspeicherung.

Sensible Daten sind tabu

Gesundheitsdaten, religiöse Überzeugungen, ethnische Herkunft oder politische Meinungen (Art. 9 DSGVO) dürfen grundsätzlich nicht in KI-Tools eingegeben werden.

Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA)

Bei den meisten unternehmerischen KI-Projekten mit personenbezogenen Daten ist eine DSFA Pflicht. Die Datenschutzkonferenz (DSK) hat die Anforderungen verschärft. Zusätzlich verlangt der AI Act ab August 2026 für bestimmte Hochrisiko-KI eine Grundrechte-Folgenabschätzung.

Was ab August 2026 gilt

Am 2. August 2026 wird es ernst. Dann greifen:

  • Alle Pflichten für Hochrisiko-KI (Annex III)
  • Transparenzpflichten (Art. 50): Nutzer müssen informiert werden, wenn sie mit KI interagieren. KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet werden.
  • Volle Durchsetzung und Sanktionen

Das Bußgeld-System

Verstoß Höchststrafe Umsatz-%
Verbotene KI-Praktiken 35 Mio. € 7%
Hochrisiko-Pflichten 15 Mio. € 3%
Falsche Angaben 7,5 Mio. € 1%

KMU-Sonderregelung: Kleine und mittlere Unternehmen zahlen jeweils den niedrigeren Betrag (Festbetrag oder Prozentsatz). Große Unternehmen den höheren.

Nationale Umsetzung: Das KI-MIG

Das KI-Marktüberwachungs- und Innovationsförderungsgesetz (KI-MIG) wurde im Februar 2026 vom Bundeskabinett beschlossen und befindet sich im Parlamentsverfahren. Es bestimmt die Bundesnetzagentur als zentrale Marktüberwachungsbehörde und richtet einen KI-Service-Desk als Anlaufstelle speziell für KMU ein.

Außerdem vorgesehen: Regulatory Sandboxes — geschützte Testumgebungen, in denen KMU KI-Systeme unter Aufsicht erproben können, mit priorisiertem und kostenfreiem Zugang.

Technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs)

Technische Maßnahmen

  • Zugangskontrollen: Wer darf welche KI-Tools nutzen?
  • Dateneingabe-Beschränkungen: Technische Sperren für sensible Datentypen
  • Verschlüsselung: Daten in Transit und at Rest
  • Logging und Monitoring aller KI-Interaktionen
  • Nur firmenlizenzierte KI-Tools — keine privaten Accounts
  • Opt-out aus Modelltraining sicherstellen

Organisatorische Maßnahmen

  • KI-Nutzungsrichtlinie erstellen und kommunizieren
  • Freigabeprozess für neue KI-Tools etablieren
  • Verantwortlichkeiten klar definieren (KI-Beauftragter)
  • Regelmäßige Schulungen durchführen und dokumentieren
  • Vorfallmanagement für KI-bezogene Sicherheitsvorfälle
  • Verzeichnis aller genutzten KI-Systeme führen
  • Human-in-the-Loop bei automatisierten Entscheidungen

Ihre Checkliste: KI-Compliance für KMU

Sofort umsetzen (bereits überfällig)

  • ☐ KI-Kompetenzschulungen für alle Mitarbeitenden durchführen
  • ☐ Prüfen, ob verbotene KI-Praktiken im Unternehmen genutzt werden
  • ☐ Überblick aller genutzten KI-Systeme erstellen (Inventar)

Bis August 2026

  • ☐ KI-Nutzungsrichtlinie erstellen und kommunizieren
  • ☐ Risikoklassifizierung aller genutzten KI-Systeme durchführen
  • ☐ DSFA für KI-Systeme mit personenbezogenen Daten erstellen
  • ☐ AVV/DPA mit allen KI-Anbietern prüfen und abschließen
  • ☐ Transparenzmaßnahmen umsetzen (Chatbot-Kennzeichnung, Content-Labeling)
  • ☐ TOMs für KI-Einsatz definieren und implementieren
  • ☐ Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten um KI erweitern
  • ☐ Datenschutzerklärung aktualisieren
  • ☐ Meldeprozesse für KI-Vorfälle etablieren
  • ☐ Verantwortlichkeiten klar zuordnen
  • ☐ Nur firmenlizenzierte KI-Tools mit EU-Datenspeicherung nutzen
  • ☐ Schatten-KI identifizieren und unterbinden

Laufend

  • ☐ Schulungen regelmäßig wiederholen und dokumentieren
  • ☐ KI-Inventar aktuell halten
  • ☐ Neue KI-Tools nur nach Freigabeprozess einführen
  • ☐ Regelmäßige Audits der KI-Nutzung
  • ☐ Entwicklungen im KI-MIG-Gesetzgebungsverfahren verfolgen

Fazit: Jetzt handeln, nicht abwarten

Die KI-Kompetenzpflicht gilt bereits seit über einem Jahr. Die nächste große Deadline — August 2026 — ist in weniger als fünf Monaten. Wer jetzt noch keinen Überblick über die im Unternehmen genutzten KI-Systeme hat, keine Schulungen durchführt und keine KI-Richtlinie etabliert hat, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch Vertrauensverlust bei Kunden und Geschäftspartnern.

Die gute Nachricht: Für KMU gibt es Erleichterungen — reduzierte Gebühren, vereinfachte Dokumentation und den KI-Service-Desk der Bundesnetzagentur als Anlaufstelle. Nutzen Sie diese Angebote.